Auf Naxos, Frankfurt am Main

Theater Willy Praml

MICHAEL KOHLHAAS. KLEIST – Dramatisierte Novelle

MICHAEL KOHLHAAS. KLEIST

In dieser 1810 veröffentlichten Erzählung werden dem Pferdehändler Michael Kohlhaas auf einer Reise aus politischer Willkür seine Pferde entwendet. Nachdem er begreift, dass er vor Gericht machtlos ist, sieht er sich gezwungen, sich alleine gegen das erlittene Unrecht zu wehren. Seiner Selbstjustiz fallen ganze Dörfer zum Opfer. Er brennt sie nieder, um der Willkür der Institutionen entgegenzutreten. Er fühlt sich vom Staat verraten und versucht sein Recht durch offene Rebellion und Gewalt durchzusetzen. Kleist stellt in seiner auf einer historischen Grundlage des 16. Jahrhunderts basierenden Erzählung die allzu verschiedenen Rechtsauffassungen des erzählten Mittelalters und der dem zeitgenössischen Leser gegenwärtigen Aufklärung gegenüber. Damit wird Kohlhaas zum Exempel eines sich gegen willkürliches Unrecht aufbäumenden Individuums. Doch kann Gleiches mit Gleichem vergolten werden? Es stellt sich die Frage, in wie weit Kohlhaas ein erlittenes Unrecht mit Grausamkeiten tilgen kann und ob er damit nicht dem Konzept des vernunftgeleiteten Menschen widerspricht.

Regie
Textfassung
Bühne/ Kostüme
Musikalische Einrichtung
Gregor Praml
Bühnenbau
Guido Egert
Licht
Brett Nancarrow , Johannes Schmidt
Ton
Oliver Blohmer
Regieassistenz
Vanessa Scholz
Darsteller
Reinhold Behling
Jakob Gail
Gabriele Maria Graf
Claudio Vilardo

Pressespiegel

  • Frankfurter Allgemeine, 19.11.2011

    „Michael Kohlhaas“

    Des Rappen Kern

    Diese Novelle ist ohnehin ein Drama. Die Sätze sind glasklar zum Schneiden: „Mitten durch den Schmerz, den die Welt in einer so ungeheuerlichen Unordnung zu erblicken, zuckte die innere Zufriedenheit empor, seine eigene Brust nunmehr in Ordnung zu sehen“, heißt es über Michael Kohlhaas. Die Unordnung der Welt, der Einzelne, der sie erleidet und sich vermisst, sie an Gottes Statt zu beenden, davon handelt Kleists „Michael Kohlhaas“. Und da Kleist, dessen 200. Todestag am Montag begangen wird, die Welt seiner Texte stets so baut wie jene „zufällige Wölbung“ zweier Häuser, die im „Erdbeben in Chili“ Jeronimo befreit, ist die prekäre Balance dieser beiden Seiten, das brutal Unsinnige der Strukturen Auslöser und Kern zugleich für das Drama des Kohlhaas. Den Rosshändler, der zu Unrecht der Willkür des Junkers von Tronka ausgeliefert wird und bittere, vielfache Rache für seine zwei geschundenen Rappen übt, hat sich nun Willy Praml in der Frankfurter Naxoshalle vorgenommen. Gute drei Stunden lang zeigt er eine „dramatisierte Novelle“. Hoffen auf die Gerechtigkeit Es wird zwar oft laut, aber nie hektisch auf der mild ausgeleuchteten Bühne, die mit staubigem Gestein und schmalen Wegen eine strenge, augenfällige Choreographie anlegt, die vor der winterlichen Glasabsperrung der Halle stattfindet (Bühne und Kostüme: Michael Weber). Und es dauert eine geraume Zeit, bis das Spiel sich, als Kohlhaas zum Rächer wird, weitet in die Halle hinein, die der Zuschauer diesmal von der beheizten Tribüne aus betrachtet. Dafür, dass die Sache trotz ihrer Länge unter die Haut rückt, sorgt, dass Praml und seine Darsteller den Text sorgfältig gelesen, ja, geradezu präpariert haben. Reinhold Behling (Kohlhaas), Jakob Gail, Gabriele Maria Graf, Birgit Heuser, Claudio Vilardo und Michael Weber, schwarz gekleidet in wechselnden Rollen, haben sich die ungeheure Textmenge in hoher Sprechkultur zu eigen gemacht und gehen den Emotionen, die darin verhandelt werden, mit genau bemessenen Gesten nach. Alle für einen: Das Ensemble des Theaters Willy Praml eignet sich „Michael Kohlhaas“ an.

    Macht und Recht, die so wankelmütige Meinung des Volks, die Frage nach der Verantwortung des Herrschenden für die Taten seiner Untergebenen und eine, erhoffte, höhere Gerechtigkeit treten sparsam illustriert umso einprägsamer hervor und verbinden sich mit der heutigen Lebenswelt, ohne eine einzige willentliche Aktualisierung. Nicht einmal die piepende Hebebühne, die Kohlhaas’ plündernde Horden symbolisiert, möchte man als solche sehen, passt sie sich doch, wie die orangefarbenen Schutzjacken der Darsteller, dem Flair der Industriehalle an und bringt, wie Gregor Pramls Strawinsky-Adaption mit Jahrmarktsmelodien, eine bisweilen bittere Ironie ins Spiel. So wird auch die wundersame Verzögerung von Kohlhaas’ Ende durch die Kapsel der Wahrsagerin mit spielerischer Satire durchzogen, wobei der Rappe Mohrrüben kauend auf der Bühne sitzt. Im Publikum beginnt es da zu kichern - dass „Michael Kohlhaas“ ein Text wie eine Faust im Magen ist, zeigt Pramls Theater sowieso.(Eva-Maria Magel)